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lunedì 2 settembre 2013

Vipassana - Tag 11: Abfahrt - zurück ins Leben

Der allerletzte Tag: Aufbruchsstimmung. An diesem Morgen müssen wir erst um 5 Uhr in der Meditationshalle sein, um S.N.Goenkas letzten Vortrag zu hören. Sobald der Gong und die Wecker ertönen, geht auch schon das Gequassel los. Heute haben die meisten kein Problem mit dem Aufstehen: es wird gepackt, die Betten abgezogen, Adressen ausgetauscht, ab 7 Uhr darf man abfahren. Das Frühstück fällt an diesem Tag mickrig aus: es gibt das, was von den letzten 10 Tagen übrig geblieben ist. Ich bekomme meine am ersten Tag abgegebenen Dinge zurück, darunter auch mein Telefon. Aber ich schalte es nicht ein, ich benütze nur den Fotoapparat, da ich eine Artikel Serie für den Blog schon im Kopf habe. 
Ich spaziere nochmals in den Garten und gewöhne mich an den Gedanken, frei zu sein. Jetzt, in wenigen Minuten kann ich gehen. Aber ich fühle, ich werde an diesen Ort früher oder später nochmals zurückkehren. Ich habe das Gefühl, mich erst herangetastet zu haben, aber dass ich ein zweites Mal herkommen muss, um tiefer hineinzukommen. 
Ich bin glücklich darüber, es geschafft zu haben, im selben Moment auch traurig, diesen Ort, jetzt zu verlassen, die Gemeinschaft zu verlassen, die ohne Worte entstanden ist. 
Mit drei netten Mädels (Schweizerin, Rumänin und Deutsche) fahre ich im Taxi zum Bahnhof. Während der Fahrt dreht es mir dreimal den Magen um, weil ich diese Geschwindigkeit nicht mehr gewöhnt bin. Es ist sehr heiß. Was sich in 11 Tagen alles ändern kann! Angekommen bin ich noch mit Jacke, jetzt bräuchte ich Flip-Flop. Am Bahnhof gibt es mal wieder Zugstreik und die Angestellte muss für uns vier verschiedene, wenn möglich garantierte Verbindungen heraussuchen.  
Ich torkle, obwohl ich ja nicht unter Alkoholeinfluss stehe, durch den Bahnhof, vergesse abzustempeln und muss nochmals zurück, riskiere den Zug zu verpassen und nochmals Abschied.
Im Zug dann schalte ich das Telefon ein, und schau mal was ich verpasst habe. Die E-Mails möchte ich noch nicht sehen - erst am nächsten Tag. 
Der erste Zug, ein Regionalzug, ist extrem laut, voll und heiß. Ich muss mich konzentrieren, um nicht Bologna zu verpassen. Da wartet dann ein sehr teurer, aber dafür umso angenehmer, ruhiger, klimatisierter Zug auf mich, der mich in ungefähr drei Stunden nach Hause bringen wird. Natürlich sitze ich mit Ohrenstöpsel im Zug, ansonsten wäre es kaum auszuhalten. 
Das Zurückkommen erinnert mich an jenes nach der Yogalehrerausbildung. Da war ich vier Wochen lang in einem Ashram, abgeschieden von der Außenwelt, und als ich zurückkam, war alles zu laut, zu schnell, zu bunt, zu chaotisch. 
Als ich von Indien zurückkam, war es genau umgekehrt: zu Hause war es dann ruhig, langsam, leer und sauber!
In der Mittagshitze komme an, schleppe mich und das wenige Gepäck mühevoll nach Hause. 
Und jetzt?
Fühle mich erschöpft, kann aber nicht schlafen. Ich führe nur ein Telefongespräch (mit meiner Mutter), verschicke eine WhatsApp Nachricht (an meine Freunde), gehe weder ins Internet noch ins Facebook, lesen strengt mich auch an. Ich brauche Bewegung. Na dann schauen wir mal, wie es mit der Kondition ist, nach 11 Tagen 11 Stunden lang täglich sitzen. Nächstes Ziel: zu Fuß auf den Ritten. Ich schwebe wie ein Vogel den Berg hinauf. Plötzlich höre ich Musik und sie lässt mich nicht in Ruhe, ich muss tanzen. Ich entdecke Dinge, die ich bisher nicht gesehen habe: ein Margeritenfeld mitten im Wald, einen Esel, einen Biohof, einen weißen Schimmel. Die Natur bringt meine Energie etwas zur Ruhe - die mit Sonnenhungrigen überfüllte Seilbahn bringt mich wieder aus der Ruhe und zurück in die Stadt.
Dann gibt es Pizza und
mein Sommer kann beginnen!







so sehe ich nach 10 Tagen schweigen aus


...wie es weiterging...

An den darauffolgenden Tagen fühle ich mich orientierungslos, manchmal fehl am Platz, der Geist füllt sich mehr und mehr mit Gedanken, ich vermeide Menschenansammlungen. Zuerst wache ich immer um 3 Uhr früh auf, nach einigen Tagen verschiebt es sich dann auf 4 Uhr. 3 Uhr ist einfach zu früh! Ich schlafe weniger, bin deswegen aber nicht müder. Ich meditiere weiterhin, zwar nicht wie uns empfohlen wurde, zweimal am Tag jeweils eine Stunde, sondern ich beschränke mich auf nur eine Stunde täglich. Zu Hause zu meditieren ist anstrengender, es ist schwieriger die Gedanken zu zähmen, sie geraten leicht außer Kontrolle und gehen ihre eigenen Wege. 

Viele Menschen sind neugierig und fragen mich nach meinen Erfahrungen (deshalb auch die Blog-Artikel, weil ich nach einiger Zeit keine Kraft mehr hatte, darüber zu sprechen). 
Für mich war es das einzige Richtige im rechten Augenblick. Da es aber eine Grenzerfahrung ist, hüte ich mich davor, das jemandem weiter zu empfehlen (nicht nach dem Motto, stell dich mal auf die Matte und probier mal Yoga!). Vor drei Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, so etwas zu machen. Dann aber kam der Moment, an dem ich tief in meinem Inneren spürte, diese Erfahrung möchte ich jetzt machen. 
Das ist dann das Zeichen, auf das man hören sollte!
Für alle, die sich mehr dafür interessieren: 


12 Tage - 12 Artikel - 12 Wochen: 
der Sommer ist (fast) vorbei und so endet nun die Special-Vipassana Artikelreihe.

lunedì 26 agosto 2013

Vipassana - Tag 10: Der letzte Tag - das Schweigen wird gebrochen



Kaum zu glauben: heute ist der 10. Tag. Heute wird um 10 Uhr das Schweigen beendet. 
Schon früh am Morgen merkt man, dieser ist kein Tag wie alle anderen. Am Abend vorher wurde uns erklärt, dass wir um 10 Uhr nach der Gruppenmeditation wieder beginnen können zu sprechen. Aber so richtig vorstellen kann ich mir das nicht. Ich habe mich inzwischen an das Schweigen gewöhnt. Na ja, ab und zu wäre es ganz angenehm, all das was mir durch den Kopf und durch den Körper geht, mit jemanden teilen zu können, aber genau so angenehm ist es auch, für sich alleine zu bleiben. Allein zu sein in einer großen Gruppe, und dabei doch nicht einsam zu sein. 
Nach der Gruppenmeditation um 10 gehe ich einmal wieder in "meinen" Garten und plötzlich hört man Stimmen, man sieht Köpfe, dich sich heben, Blicke, die sich treffen. Ich setze mich hin, denn auf Knopfdruck kann ich noch nicht sprechen, und beobachte die Menschen um mich herum. Sie gehen nicht - sie schweben. Ihre Augen leuchten, in ihrem Gesichtsausdruck liest man Zufriedenheit. Manche beginnen sofort zu sprechen, andere nehmen sich noch etwas Zeit. Sobald die meisten aber anfangen zu reden, plappern sie wie ein Wasserfall. Jeder hat so viel zu erzählen und will so viel mit den anderen teilen: die eigenen Erfahrungen, wer hat wann das Retreat vorzeitig beendet, wie viele sind ausgestiegen, woher man kommt, wohin man geht, weshalb man hier ist...
Das Mittagessen ist ein Festessen und es dauert sehr lange im Gegensatz zum gewöhnlichen Mittagessen. Na klar, wenn man dabei sprechen kann, steht man nicht so schnell auf. Es ist das lauteste Mittagessen und auch das heißeste. Mir wird bald alles zu anstrengend und gehe mal schlafen, aber da habe ich  heute nicht viel Ruhe, denn mein Fenster zeigt zum Hof. 
Nun merke ich erst, dass sprechen anstrengend ist und wie viel Energie es kostet. An diesem 10. Tag habe ich extrem viel Hunger, aber auch die anderen. Das wird wohl am Sprechen liegen...
Am Abend einen vorletzten Diskurs von Goenkaji, ein letztes Mal schlafen und dann raus und zurück ins Leben - oder auch nicht!

und wie alles endet liest ihr nächste Woche...

lunedì 19 agosto 2013

Vipassana - Tag 9: der letzte Meditationstag

und DANCING UNDER THE SHOWER

Weder tanze ich noch singe ich. Aber heute, am 9. Tag, muss ich tanzen und singen. Ich brauche Bewegung. Ich fühle mich eingesperrt, gefesselt, im Raum und in meinem Körper. Nach der Jause um 17 Uhr, leckere Honigbananen (ganz einfach, Bananen und viel Honig drauf, und dann noch Leinsamen drüber - wenn Süßes fehlt wird man erfinderisch!) gönne ich mir eine Nachmittagsdusche und dabei singe ich und tanze! Tanzen, weil mich eh keiner sieht! Singen natürlich ohne Ton! Es ist befreiend. Ich bringe die Energie in mir wieder etwas zum Fließen, ich kann angesammeltes abschütteln und loswerden. 
Leider dauert mein Tanz unter der Dusche nicht lange: es gibt nicht so viel Platz und man soll ja sparsam mit dem Wasser umgehen, das kann man ständig auf irgendwelchen Schildern lesen. Ja die Schilder! Überall gibt es Schilder, mit den Erklärungen, was man tun darf, was nicht. Ich kann sie inzwischen alle auswendig diese Schriften. Und zum Glück steht es immer in Deutsch und in Englisch. So habe ich doppelt so viel zum Lesen. Auf Dauer fehlt mir das Lesen. Ich merke, dass mein Kopf von Tag zu Tag leerer wird, da gibt es einfach nicht viel, das rein könnte. Aber ab und zu liege ich in der Mittagspause im Bett und da wäre es sehr angenehm, mal was zu lesen. Anstatt die Decke zu beobachten. Anfangs konnte ich noch ständig schlafen. Inzwischen brauch ich auch den Mittagsschlaf nicht mehr.

Deshalb: was tun? 
Weiterhin meditieren.

Der letzte Tag an dem wir intensiv arbeiten können. 
Der letzte ganze Tag, an dem wir schweigen. 
Am Tag darauf wird alles anders sein.


lunedì 12 agosto 2013

Vipassana - Tag 8: Tee trinken im Garten


Nach dem Frühstück um 7 gehe ich von nun an in den Garten (ich meine, jenen eingezäunten Teil, in dem man im Kreis herumspazieren darf) und trinke dort eine Tasse Tee. Der Garten wird zu meinem Garten. Das stell ich mir so vor. Ich weiß: keine Vorstellungen! Sondern beobachten, meditieren, die Realität so annehmen wie sie ist. ABER: ich brauch etwas Abwechslung. Da sitze ich nun mit einer Tasse Tee  und beobachte, wie die Sonne langsam hinter dem Hügel hervorkommt und die Natur, die mich umgibt, erweckt. Da kommt mir auch der Gedanke, dass ich vielleicht doch in die Natur ziehen sollte, weg von der Stadt. Irgendwann einmal... 
Das frühe Aufstehen macht mir immer noch keine Probleme. Im Gegenteil, mein Körper braucht viel weniger Schlaf als zuvor, vor dieser intensiven Meditationspraxis. In diesen Tagen wache ich meist schon um 3 Uhr auf und liege dann halbwach im Bett und warte auf den Gong. 
      S.N. Goenka erzählt uns am Abend, nicht zu verzagen, wenn man nicht schlafen kann. Man soll sich nicht im Bett herumwälzen und versuchen um jeden Preis einzuschlafen, sondern die Situation annehmen und meditieren: die Empfindungen beobachten. Man kann oder soll ständig meditieren. Ständig die Empfindungen beobachten. Nach seinem Diskurs wache ich natürlich nachts auf, mit seinen Worten im Kopf, ich solle ständig präsent sein und mir meiner Empfindungen bewusst sein. 
     Inzwischen macht sich der Sommer immer stärker bemerkbar. Musste ich in den ersten Tagen früh am Morgen noch mit Jacke zur Meditationshalle, reicht jetzt ein Pullover und die Flip Flop. Nachmittags beginnt man während der Meditation zu schwitzen und ich schaue sehnsüchtig auf die Klimaanlage. Ich bin zwar keine Freundin der Klimaanlage, aber wenn mir die Luft wegbleibt, kann ich mich schlecht konzentrieren und schlafe leicht ein. Ich bin froh, diesen Retreat in der angenehmen Toskana zu machen, und nicht in Indien zum Beispiel, wo ich mich dann wirklich mit den klimatischen Bedingungen herumplagen müsste. Im Grunde, ist es egal, wo man die Vipassana Technik erlernt, denn in allen Zentren nach Goenka läuft es gleich ab. Aber wenn die hygienischen und klimatischen Bedingungen angenehm sind, dann ist es schon etwas einfacher, zumindest für mich.
     

Was auf uns zukommt:

Tag 9 - der letzte Meditationstag
Tag 10 - das Schweigen wird gebrochen
Tag 11 - Abfahrt: zurück ins Leben!


lunedì 5 agosto 2013

Vipassana - Tag 7: kann man mit glatt geföhnten Haaren besser meditieren?

Es ist Mittwoch und Tag 7 - 4 Tage liegen noch vor mir. 
Heute ist Duschtag. Richtig duschen mit allem drum und dran, Haare waschen und föhnen. Ich hab noch nie so lange gebraucht wie diesmal. Das ist dann wahrscheinlich achtsames duschen. Endlich kann ich mal was tun. Zwischen meditieren, achtsames spazieren, essen, schlafen, wird duschen zu einem Ereignis. 
Nach meiner Mittagsdusche sitze ich dann duftend wieder auf meinem Kissen: ist es jetzt einfacher, zu meditieren?
Abends spricht wieder der Meister zu uns: zwei Tage bleiben uns noch, um intensiv zu arbeiten: der achte und der neunte Tag, denn am zehnten Tag endet die noble Stille und es beginnen die noblen Gespräche.
Noch zwei Tage und dann kann ich wieder sprechen! Ich kann es kaum glauben, aber langsam sehe ich das Ende - nicht das Ziel.


Der Klatschmohn blüht nur zwei bis drei Tage. Ich beobachte die Natur und sehe die Vergänglichkeit in jedem Moment. In diesen sieben Tagen habe ich einige Mohnblumen erblühen und auch wieder verwelken gesehen. Die Natur ist unsere Lehrmeisterin: wir können uns an nichts klammern, wir können nichts festhalten. Wie die Natur, sind auch wir ständig in Veränderung. Es kann schmerzvoll sein, diese Wahrheit zu akzeptieren, gleichzeitig aber auch erleichternd. Magische Momente dauern nicht ewig, schwierige Momente genauso wenig. 
Hätte ich auch die zu erblühende Mohnblüte ins Wasser gestellt, sie hätte nicht länger geblüht. So setze ich mich ins Gras, schau zur Blume, beobachte ihre Farben, ihre schwarzen Flecken, Bienen kommen vorbei und setzen sich rein. Am nächsten Tag liegen die Blütenblätter auf der Wiese.

Im persischsprachigen Raum symbolisiert der Klatschmohn die Liebe. So heißt es in einem der berühmtesten Gedichte des neuzeitlichen persischen Dichters Sohrab Sepehri:
"So lange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden!"
Sein schwarzer Mittelpunkt symbolisiert die Leiden der Liebe.



In steter Veränderung ist diese Welt. Wachstum und Verfall sind ihre wahre Natur. Die Dinge erscheinen und lösen sich wieder auf. Glücklich, wer sie friedvoll einfach nur betrachtet.
Buddha

Fortsetzung folgt...

lunedì 29 luglio 2013

Vipassana - Tag 6: I have to talk to somebody

Ich war der Meinung, hab ich mal die Hälfte überstanden, kann nicht mehr viel kommen. Meist kommt es dann doch anders als man denkt. Der sechste Tag war für mich der schwierigste. Mich 11 Stunden lang täglich mit mir selber auseinanderzusetzen und meine körperlichen Empfindungen zu beobachten, bringt mich an meine Grenzen, gleichzeitig dringe ich tief in mein Innerstes vor. Es gibt Momente, in denen ich mich nicht mehr aushalte, in denen ich mich am liebsten von mir selber befreien möchte. Ich bitte um ein Gespräch bei der Meditatonslehrerin, denn an diesem Tag muss ich mit jemanden sprechen. Das Gespräch ist kurz, ihre Antworten auch. Sie meinte nur, das seien die Feinde in mir, die hoch kommen und die versuchen mich an meiner Meditationspraxis zu hindern. Außerdem fügte sie hinzu, dass S.N. Goenka am Abend genau über das sprechen würde. Gut getan hat es trotzdem, das Gespräch, vielmehr das Verbalisieren einiger Gedanken, das sich mitteilen. Ich war auch neugierig, wie so ein Gespräch ablaufen würde und wie sich die Meditationslehrerin verhalten würde. Die Lehrer sind zwar physisch anwesend, zeitweise wirken sie aber nicht sehr präsent. Ihr Ausdruck ist neutral, man kann keine Emotionen in ihrem Gesichtsausdruck erkennen. Anfangs dachte ich, das ist ja einfach so einen Kurs zu leiten, man muss ja nur die CD ein- und ausschalten. Mit dem Vergehen der Tage merkte ich allerdings (ab und zu musste ich meine Umgebung beobachten, und da die Lehrer genau vor uns saßen, lies es sich nicht immer vermeiden, ihnen direkt ins Gesicht zu blicken), dass sie doch sehr präsent waren und die Gruppe beobachteten. 
Nach dem Gespräch besserte sich etwas meine Stimmung und mein Optimismus kehrte zurück.
Und schließlich fehlen ja nur mehr 4 1/2 Tage...


die Erzählung geht weiter...

lunedì 22 luglio 2013

Vipassana - Tag 5: Halbzeit

Es ist Montag, es ist Tag 5, Halbzeit. 
Jetzt, im Nachhinein, weiß ich, Halbzeit in Vipassana hat keine Bedeutung. Da kann noch viel kommen und passieren. Es ist keine Garantie, wenn man die Hälfte geschafft hat, dass man auch das Ganze schaffen wird. An Tag 4 begann meine Nachbarin in der Meditation Hall zu fehlen. An Tag 5 wurde sie ersetzt. Mir fiel auf, dass noch eine Frau fehlte, sie war etwas älter und saß ganz hinten auf einem Stuhl, und plötzlich saß sie nicht mehr dort. 
Ich folge den Meditationsanleitungen und versuche zu meditieren. Das bedeutet, ich beobachte meine Körperempfindungen und das ist ganz schön anstrengend. Es gibt Momente, in denen ich bevorzugen würde, zehn Stunden lang Yoga zu praktizieren, anstatt zu sitzen und mich mit mir selber zu beschäftigen. 


Weil mich das Meditieren so sehr anstrengt, ist das Spazieren eine Befreiung. Wenn man noch am Anfang des Meditationsretreats recht schnell und zügig im Kreis spazierte, werden die Schritte mit jedem Tag langsamer und bedachter, denn nun hat man ja Zeit. Das wäre dann bewusstes Gehen: spüren wie der Fuß auftritt, wie sich der Boden unter der Fußsohle anfühlt, wie sich die Schritte anhören. 

Die Sonne scheint von Tag zu Tag mehr und kräftiger und ich glaube, der Sommer setzt sich langsam durch. Es beginnt eine neue Woche und zu Mittag esse ich im Freien: welch ein Glücksmoment! Essen im Freien gibt mir ein wenig das Gefühl von FreiHeit! Und noch ein Glücksmoment: Um 17 Uhr gibt es heute Pfirsich! Mein erster Pfirsich der Saison. Die nächsten drei Tage esse ich abends Pfirsich, bis ich ihn dann nicht mehr vertrage und mir einfällt, vielleicht vertragen sich Pfirsich und Tee nicht. 

Wenn ich ein Glücksgefühl verspüre, so kann es im nächsten Augenblick sich umschlagen in Verzweiflung, Ungeduld, Ausweglosigkeit. Ich nenne es mal positive und negative Gefühle, obwohl es diese Klassifizierung gar nicht gibt oder geben sollte; diese Gefühle liegen so eng nebeneinander, sie verschmelzen geradezu. Habe ich jetzt ein gutes Gefühl, bedeutet das nicht, dass es den ganzen Tag andauern wird. Ich beginne an mir selber zu erkennen, dass nichts für immer ist.

(Die Fotos habe ich am letzten Tag gemacht, als ich das Handy wieder bekam.)


... der Sommer ist noch nicht vorbei... 5 Vipassana Tage fehlen noch... Fortsetzung folgt...

lunedì 15 luglio 2013

Vipassana - Tag 4: Der große Tag: Vipassana Day

Wer schon mal den 10tägigen Vipassana Kurs nach S.N. Goenka besucht hat, weiß, was am vierten Tag passiert. Der vierte Tag wird Vipassana Day genannt (ich nenne ihn der große Knall), denn man wird in die eigentliche Meditationstechnik eingeweiht. Nachdem in den ersten drei Tagen auf der täglichen Anschlagetafel nicht viel Neues stand, schaute ich sie mir am vierten Tag gar nicht mehr an. Hätte ich aber können, denn der vierte Tag verläuft etwas anders ab. Doch beginnen wir am Anfang. 

Es ist Sonntag und ich freue mich, denn Sonntag ist immer ein besonderer Tag. Da gibt es Sonntagsessen, Sonntagsausflüge, Kuchen, die meisten arbeiten nicht am Sonntag, man kann lang schlafen, viel frühstücken und alles mögliche anstellen. Es gab tatsächlich KUCHEN! Ich liebe Kuchen: Kuchen backen und Kuchen essen. Ich hatte noch nie so langsam ein Stück Kuchen gegessen, wie an jenem Sonntag. Man kann es bewusstes essen nennen oder essen in Meditation. Am Sonntag habe ich für mich auch ein erstes Zwischenziel erreicht, denn ab dem Sonntag wiederholen sich die Tage nicht mehr. 
Der Nachmittag lief dann etwas anders ab, und ich dachte das wäre der Sonntagsstundenplan. 
Es gabs aber eine zweistündige Meditation, die vom Meister selbst über Tonband (oder vielleicht doch CD) angeleitet wurde. Während der zwei Stunden durfte man sich weder bewegen noch die Sitzposition verändern. 

Es geht darum, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie gern hätten. Spüren wir einen Schmerz, so nehmen wir ihn wahr, wir stoßen ihn aber nicht zurück, denn wie alles, der Schmerz kommt und geht auch wieder. Wir sollen uns nicht mit dem Schmerz identifizieren, er bleibt ein physischer Schmerz und wird nicht zu einem mentalen. Inzwischen ging es mir mit dem Sitzen besser, doch eine Stunde ohne die Position zu verändern, brachte mich doch manchmal an die Grenzen. Manchmal belastete mich mehr der Gedanke daran, die Position nicht ändern zu dürfen, anstatt der groben Empfindungen, die ich in Beinen und Hüften spürte. Ich versuchte nicht so streng zu mir zu sein, schließlich sag ich meinen Yogaschülern immer, die Position soll nicht schmerzvoll sein. Ganz im Sinne meiner Yogaprinzipien, die Grenzen des Körpers nicht zu überschreiten, nur weil mein Ego es wünscht, wechselte ich in manchen Fällen die Position, vor allem wenn ich mein rechtes Bein überhaupt nicht mehr spürte (es schlief weiterhin ein). Ich entwickelte eine Technik, mich so hinzusetzen, damit ich im Extremfall die Position mit kleinen Bewegungen ganz unauffällig verändern konnte. So wechselte ich ab zwischen Lotussitz, Fersensitz und sitzen auf dem Meditationsbänkchen. Natürlich kam mir der Gedanke, so was muss ich auch haben, hab ich aber immer noch nicht. 

Nach diesen zwei Stunden war ich fix und fertig und Herr Goenka gönnte uns etwas mehr als eine Stunde zum Ausruhen. Ich wär aber am liebsten schon ins Bett. 
Hingegen genoss ich, nach der Jause um 5 die toskanische Abendsonne, das Licht und die traumhafte Hügellandschaft. So kann man die Anstrengung für einen kurzen Moment vergessen und wieder auftanken für die nächste Gruppenstunde.

Fortsetzung folgt... wir sind erst am 4. Tag und 6 Tage stehen uns noch bevor...

lunedì 8 luglio 2013

Vipassana - Tag 3: ohne Worte

Inzwischen ist ein Monat vergangen, seitdem ich mein Hab und Gut für zehn Tage abgegeben habe. Man gibt alles Materielle ab als ersten Schritt um langsam sein Ego aufzulösen, denn das Ego identifiziert sich mit allem Materiellen. Deshalb unsere Sehnsucht nach mehr, nach mehr Dingen an denen wir uns festklammern können, entsteht alleine durch unser Ego. Man braucht nicht viel zum Leben: etwas zum Anziehen, nicht mal viel, man kann ja waschen, etwas zum Duschen und Zähne putzen, Essen und Bett bekommen wir dort.
Der Vipassana Kurs basiert auf Spendenbasis, am Ende bezahlt man so viel wie man kann und will. Wenn wir für den Kurs nicht bezahlen, so können wir auch nichts verlangen: wir können kein weicheres Bett verlangen oder ein größeres Kissen, wir essen das, was es gibt und erlauben uns nicht nach irgendwas zu fragen, was man in jenem Moment gerne hätte. 
Nach drei Tagen schweigen, merke ich, welche Macht Worte haben. Mir fällt das Schweigen von Anfang an nicht schwer. Ich finde es angenehm, in den Pausen zwischen den Meditationen nicht reden zu müssen, es wäre zu anstrengend, die Erfahrungen während der Meditation mit den anderen zu teilen. Ich staune, wie der Alltag ohne Worte reibungslos abläuft. Jeden Tag hängt eine neue Tafel im Speiseraum, damit wir wissen welcher Tag ist und wie der Ablauf sein wird, der nur minimal von Tag zu Tag verändert wird. 
Ich teile das Zimmer mit einer Kroatin, einer Italienerin und einer Finnin. Unser Zusammenleben, wenn man es so nennen kann, verläuft problemlos: ohne Worte, ohne Missverständnisse. Worte erleichtern oft nicht das Zusammenleben, sondern erst durch Worte wird einiges komplizierter. Durch Worte will jeder seinen Willen durchsetzen und seine Vorstellungen, durch die Wort- und Tonwahl wird manches falsch verstanden. Wir reden zu viel und gleichzeitig denken wir zu viel. Wir sind von unserem Kopf gesteuert, oder kann man es Geist nennen? 
Zurück zu meinen Mitbewohnerinnen: um vier schlägt der Gong und meine Bettnachbarin, die Finnin, steht als erste auf und geht ins Bad, mein Wecker läutet ca 10 Minuten später, und ich stehe erst auf, als die Finnin zurückkommt, ich zieh mich schnell an, und um wenig Zeit zu verlieren leg ich die Kleider abends schon hin. Da gibt es auch nicht so viel hinzulegen: meistens zieh ich immer dasselbe an, bequeme Kleidung, nicht zu eng, nicht zu ausgeschnitten, nicht zu auffällig (das wird vorgeschrieben). Schnell die Zähne putzen und dann in die Meditationshalle. Die Kroatin und die Italienerin sind die letzten, die aufstehen, ab und zu geht die Italienerin duschen, das finde ich sehr mutig, denn um 4 Uhr ist es mir doch zu früh und zu kalt. 
Während der Frühstücks- und Mittagspause treffen wir uns meist wieder im Zimmer zum Ausruhen oder Schlafen (die Kroatin ist immer die erste, die sich hin legt, und wenn sie mal nicht da liegt, dann mach ich mir schon Gedanken darüber, sollte ich aber nicht). Obwohl wir nicht miteinander sprechen und uns ansehen, so kann man die andere erspüren und durch Erfahrung kennen lernen.
Antonine de Saint-Exupéry meinte, "Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse." Deshalb sollten wir vielleicht dem Wort weniger Wichtigkeit geben.


Fortsetzung folgt...

lunedì 1 luglio 2013

Vipassana - Tag 2: Essen & Yogaentzugserscheinungen

Essen ist himmlisch, wichtig, gut, beruhigend, stärkend...
Die 2 1/2 Mahlzeiten am Tag geben meinem Alltag Struktur. Und es gibt was, auf das ich mich freuen kann! Natürlich sitze ich nicht die ganze Zeit rum, und warte nur auf das Essen, aber die Mahlzeiten in so einer Umgebung bekommen eine neue Bedeutung. Man isst bewusst. Denn man isst nur, und man macht nichts anderes: man spricht nicht (inzwischen wisst ihr, dass ich das nicht darf), ich lese nicht, ich sitze nicht vor dem Computer, ich spiele nicht mit dem Handy, ich sitze nicht vor dem TV und höre weder Radio noch Musik. Ich esse, weil ich hunger habe und Energie brauche (nicht so viel wie im alltäglichen Leben). Da ich Zeit habe und nichts anderes zu tun, konzentriere ich mich auf das Teller, das vor mir steht, und esse bewusst. Denn, wenn ich zu schnell esse, was mach ich dann mit der Zeit.
Meine Tätigkeiten sind: Schlafen, meditieren, essen, duschen und ein bisschen spazieren. Mehr mache ich nicht und darf ich auch nicht. Deshalb wird jede Tätigkeit zum Ereignis. Man beachte, es sind ganz normale und banale Tätigkeiten, die jeder von uns, nicht nur einmal am Tag macht. Während sie im Alltag automatisch passieren, da wir ja hundert andere Dinge machen müssen und das meistens auch noch gleichzeitig, gewinnen sie in dieser Dimension an Bedeutung oder bekommen eine andere Bedeutung. Mit jedem Tag lerne ich, das was ich mache, und es ist egal was, es mit meinem ganzen Bewusstsein zu machen.
Das ist dann Yoga. Darf ich aber nicht so nennen, denn Yoga ist während dieser zehn Tage verboten, wie auch sonstige spirituelle und sportliche Beschäftigung. Meinen Schülern sage ich immer, Yoga ist nicht nur Asanas und Pranayama üben, Yoga ist jegliche Tätigkeit, die wir mit unserer ganzen Wahrnehmung machen, wenn wir uns nur auf diese eine Sache konzentrieren. Yoga fehlt mir, vor allem in den ersten Tagen. Es fehlt mir, als ob mir jemand die Luft zum Atmen genommen hätte. Nach einigen Tagen hat sich mein Geist daran gewöhnt, nicht Yogaasanas zu praktizieren, mein Körper hingegen hatte weniger Probleme damit. Es kommt schon öfters mal vor, dass ich einige Tage keine Asanas übe. Der Unterschied hier ist, ich darf nicht. 
Nachdem ich vor einigen Jahren eine Woche in Berlin verbracht habe, ohne Yogamatte, und mit Yogaentzugserscheinungen nach Hause zurückkehrte, nehme ich sie jetzt immer mit, egal wohin ich fahre und für wie lange. Manchmal rolle ich sie gar nicht aus, aber ich hab sie mit, für alle Fälle.
Ab jetzt nehme ich auch das Meditationskissen mit!


Fortsetzung folgt...

lunedì 24 giugno 2013

Vipassana - Tag 1: Gong, Sitzkissen & Schokoladepudding


Tag 1 - der Gong erklang um 4 Uhr früh. Der Gong würde uns die nächsten 10 Tage begleiten. Es ist immer derselbe Gong und doch klingt er jedesmal anders. Es hängt davon ab, wer ihn anschlägt und wie: entweder sanft oder energisch, laut oder leise, schnell oder langsam. Jedesmal hat er eine andere Bedeutung.
Um 4 Uhr früh bedeutet er raus aus dem Bett, brrr, denn an den ersten Tagen war es um diese Zeit ziemlich kalt. Manche trauten sich sogar unter die Dusche, aber das war mir zu mühsam. 
Mal bedeutete er Erlösung, Erlösung von den Knieschmerzen beim Sitzen, Erlösung vom Meditieren oder vom Nicht-Meditieren-Können. Dann wieder schlägt der Gong, wenn die Pause zu Ende geht, dann noch schnell aufs Klo und zurück wieder in die Meditation Hall. Es gab Momente, da sehnte ich ihn herbei, andere in denen es mir vor ihm graute, und ich  wusste, jetzt würde er erklingen.
Am Tag 1 machte ich die Erfahrung, ich kann nicht sitzen. Ich halte das Sitzen nicht aus. Mein rechtes Bein schlief ständig ein, das rechte Knie schmerzte (weshalb immer nur die rechte Seite?). Ich ärgerte mich über mich selber. Ich dachte, das kann nicht sein, als Yogalehrerin solche Probleme beim Sitzen zu haben. Ich führte es darauf hin zurück, dass ich nicht mein Sitzkissen mit hatte. Ich braucht MEIN Kissen und kein anderes. Deshalb, während ich meinen natürlichen Atem beobachtete und wahrnahm (oder es versuchte), war ich auf mein Kissen fixiert, das nicht da war. Natürlich war das Kissen dran Schuld, dass ich nicht sitzen konnte. Ab Tag 4 hatte sich mein Körper an das Sitzen gewöhnt, die Schmerzen wurden seltener, mein Körper verschmeltzte mit der Sitzposition. Mein Kissen fehlte mir auch nicht mehr.
Der Körper gewöhnt sich an alles - zum Glück! An 11 Stunden sitzen täglich, an nur zwei Mahlzeiten, an weniger Schlaf, an das Schweigen. Egal was man mit- oder durchmacht, der Körper gewöhnt sich dran. Unser Geist hat öfters Probleme mit neuen Situationen. Aber der Geist hat hier nicht viel zu sagen, den wollen wir ja zur Ruhe bringen.
Schokoladepudding! Ich konnte es kaum glauben. Pudding und das mit Schokolade zum Nachtisch! Ich freute mich, wie ein kleines Kind und genoss jeden einzelnen Löffel (kleine Löffel!). Ihr müsst nämlich wissen, dass Süßes zur Zeit meine große Schwäche ist, und dass ich (mein Körper oder mein Geist?) immer einen Nachtisch brauche.
Der Anfang ist schon mal gut.

"The first day ist over. You have nine more left to work, to work very hard, to get the best result of your stay here, you have to work very hard, diligently, ardently, patiently, persistently..." 
(S.N.Goenka)

Fortsetzung folgt...

lunedì 17 giugno 2013

Vipassana - Tag 0: Ankommen und Abgeben

Zurück von meinem Vipassana Kurs.
das Meditationskissen bleibt, die Yogamatte und die Laufschuhe kommen wieder hinzu - und ich schwebe!

Vipassana ist
10 Tage schweigen
11 Stunden täglich sitzen und meditieren
1. Gong um 4.00
1 Frühstück um 6.30
1 Mittagessen um 11
1 Jause um 17
7 Stunden Schlaf

Vipassana ist
kein Handy
kein Buch
kein Stift
kein Yoga
keine Bewegung
keine Worte
keine Blicke
keine Umarmung

Vipassana ist
Vogelzwitschern
Stille
Mähmaschine
Langsamkeit

Weshalb ich so was mache?
Ich sage stopp und halte die Welt an, steige aus. Geb alles ab, was ich nicht brauch und lass mich ein auf diese Reise, dessen Ziel mir unbekannt ist. Schließlich ist es nicht für immer, es dauert 10 Tage plus ein Ankunftstag plus ein Abfahrtstag. Nichts ist für immer.

Fortsetzung folgt...